Medical Training – kleine Handgriffe mit großer Wirkung

Medical Training – kleine Handgriffe mit großer Wirkung
Foto: Sonja Calovini - Fotolia.com

Viele Hunde mögen die intensiven Berührungen beim Tierarztbesuch überhaupt nicht. Was Sie tun können, um den Stress für Tier und Mensch zu reduzieren, erläutert Tierärztin Julia Brinkmann.

„Mein Hund lässt sich doch überall anfassen.“

Ganz oft hört man diesen Satz, wenn in Erziehungskursen das Thema „Handling“ angesprochen wird.
Zeigt der Halter daraufhin, wie er Ohren, Pfoten und Zähne untersucht, sieht der Hund häufig gar nicht glücklich aus. Beim Tierarzt muss es oft schnell gehen. Auf die Reaktionen des Hundes wird meist keine Rücksicht genommen. Der Hund zeigt jedoch deutlich, dass er die Behandlung nicht mag: Er leckt sich über die Nase, duckt sich, versucht sich zu entziehen oder gähnt. All diese Ausdrucksweisen deuten darauf hin, dass die Berührungen nicht als angenehm empfunden werden. Erkrankt er jedoch beispielsweise an einer schmerzhaften Ohrenentzündung, kann es passieren, dass es nicht beim Meideverhalten bleibt. Weil er nicht möchte, dass sich der Halter dem schmerzenden Ohr nähert, knurrt oder schnappt er sogar. Der Mensch zieht sich daraufhin im Normalfall fast reflexartig zurück und der Hund hat die Lernerfahrung gemacht, dass es sich lohnt, zu knurren und zu schnappen, um in Ruhe gelassen zu werden. In Tierheimen werden immer wieder Hunde abgegeben, deren Untersuchung quasi unmöglich ist, weil Handlingtraining versäumt wurde.

Anfassen muss gelernt werden

Aus diesem Grund ist es wichtig, das Akzeptieren von Berührungen und typischen Tierarzthandgriffen gezielt und kleinschrittig zu üben. Wird der Hund immer wieder dafür belohnt, wenn er es zulässt, sich auf spezielle Art und Weise berühren zu lassen, empfindet er dies mit der Zeit als angenehm. Man zahlt sozusagen auf ein „Guthabenkonto“ ein. Unangenehme Erfahrungen können viel schneller wettgemacht werden als ohne spezielles Training. Der Tierarztbesuch wird zudem für alle Beteiligten deutlich entspannter, wenn der Hund sich brav untersuchen lässt.

Achten Sie darauf, nicht zu nah am Ohr zu clicken, damit der Hund nicht erschreckt.

Fast alle Situationen, die einen Hund beim Tierarzt ängstigen können, kann man im Vorfeld einzeln trainieren. Ein sekundärer Verstärker wie Lobwort oder Clicker ist hierfür besonders hilfreich. Handlingübungen werden für den Hund leichter, wenn ihm möglichst viel Kontrolle über die Situation gegeben wird, er also nicht einfach festgehalten und fixiert wird.

Handtarget

„Klette“ lernt, dass es sich lohnt, die Hand von Frauchen aktiv anzustupsen. Dies ist eine sehr nützliche Übung, um den Hund z. B. auf eine Waage zu führen. - Foto: Julia Brinkmann

„Klette“ lernt, dass es sich lohnt, die Hand von Frauchen aktiv anzustupsen. Dies ist eine sehr nützliche Übung, um den Hund z. B. auf eine Waage zu führen.

Wird der Hund einfach mit Futter auf die Waage gelockt, kann es passieren, dass man zögerliches Verhalten versehentlich verstärkt. - Foto: Julia Brinkmann

Wird der Hund einfach mit Futter auf die Waage gelockt, kann es passieren, dass man zögerliches Verhalten versehentlich verstärkt.

Medical Training bedeutet nichts anderes, als genau diese Situationen zu trainieren und so dem Hund Angst und Stress im Fall des Falles zu nehmen. Es ist für alle Hunde eine sinnvolle Vorbeugemaßnahme und das Training macht daneben auch noch Spaß, wenn es in kleinen Schritten und mit viel Belohnung geschieht.

Mit dem sogenannten Handtarget kann der Hund in viele Positionen geführt werden. Benötigt wird es, wenn er lernen soll, auf den Untersuchungstisch zu springen oder lange stehenzubleiben. Der Hund lernt nicht nur der Hand zu folgen oder sie anzustupsen, sondern auch, für eine bestimmte Zeit lang an der Hand zu „kleben“.

Zähne zeigen

„Peddi“ wird dafür belohnt, dass sie stillhält, wenn sich die Hand ihrer Schnauze nähert. Sich die Zähne kontrollieren zu lassen, stellt für viele Hunde eine Herausforderung dar. - Foto: Julia Brinkmann

„Peddi“ wird dafür belohnt, dass sie stillhält, wenn sich die Hand ihrer Schnauze nähert. Sich die Zähne kontrollieren zu lassen, stellt für viele Hunde eine Herausforderung dar.

Schon das Ertragen der Nähe der Hand wird im ersten Trainings- schritt belohnt. Hier sind sehr kleine Trainingsschritte sinnvoll. - Foto: Julia Brinkmann

Schon das Ertragen der Nähe der Hand wird im ersten Trainings- schritt belohnt. Hier sind sehr kleine Trainingsschritte sinnvoll.

Das Festhalten von oben wird trainiert, wenn der Hund die Hand dicht an der Schnauze für mehrere Sekunden toleriert. - Foto: Julia Brinkmann

Das Festhalten von oben wird trainiert, wenn der Hund die Hand dicht an der Schnauze für mehrere Sekunden toleriert.

Nun kommt die Hand von unten hinzu und das Hochziehen der Lefzen. Jeder Schritt wird so gut belohnt, dass der Hund weiter mitmacht. - Foto: Julia Brinkmann

Nun kommt die Hand von unten hinzu und das Hochziehen der Lefzen. Jeder Schritt wird so gut belohnt, dass der Hund weiter mitmacht.

Chip Ablesen

Der Chip ist ein im Hund implantierter Speicher, der sich mittels eines Gerätes auslesen lässt. Kennt der Hund das nicht, kann er verunsichert reagieren. Hunde müssen lernen, dass sich ihnen ein handgroßes Gerät nähert, einige Sekunden dicht neben ihren Körper gehalten wird und dann piept. Oft beugt sich dabei auch noch eine Person über sie, was als bedrohlich empfunden wird. Zuhause lässt sich das gut mithilfe einer Fernbedienung und natürlich vielen Leckerchen trainieren.

Im ersten Schritt wird der Hund belohnt, wenn er sitzen oder stehen bleibt, obwohl das Gerät mit etwas Abstand neben ihm gehalten wird. Dann wird er belohnt, wenn er es aushält, dass das Gerät mit etwas Abstand um ihn herum geführt wird. In jedem weiteren Trainingsschritt wird das Gerät näher an den Hund gehalten. Jedes Mal wird das ruhige Aushalten belohnt.

Chip Ablesen am Hundehals Schritt 1 - Foto: Julia Brinkmann

Chip Ablesen am Hundehals Schritt 2 - Foto: Julia Brinkmann

Ein zentraler Teil des Medical Trainings für den Hund ist, zu lernen, festgehalten zu werden und sich überall anfassen zu lassen. Während einer Untersuchung muss der Hund im Stehen und im Sitzen gehalten werden. Er muss es aushalten, dass sein Kopf fixiert wird für mehrere Minuten und dass er Augentropfen bekommt. Jede einzelne dieser Übungen wird in kleine Schritte zerlegt und mit viel Belohnung trainiert. Lässt der Hund sich also festhalten, bekommt er für kleine Berührungen am Auge ein Leckerchen. Hält er das aus, wird das Augenlid hochgezogen, was wiederum belohnt wird. Klappt auch das gut, wird zur Übung eine Tränenersatzflüssigkeit eingetropft. Erst wenn der Hund den vorigen Schritt entspannt aushält, wird das Training schwieriger.

Maulkorbgewöhnung

Mit einem Leckerchen locken Sie Ihren Hund in den Maulkorb. Nachdem er es gefressen hat, nehmen Sie den Maulkorb wieder ab. - Foto: Anna Venzke

Mit einem Leckerchen locken Sie Ihren Hund in den Maulkorb. Nachdem er es gefressen hat, nehmen Sie den Maulkorb wieder ab.

Gehen Sie immer mehr dazu über, dass Ihr Hund die Nase freiwillig in den Maulkorb steckt und erst dann das Leckerchen erhält. - Foto: Anna Venzke

Gehen Sie immer mehr dazu über, dass Ihr Hund die Nase freiwillig in den Maulkorb steckt und erst dann das Leckerchen erhält.

Dehnen Sie die Zeit aus, die er seine Nase im Maulkorb behält. - Foto: Anna Venzke

Dehnen Sie die Zeit aus, die er seine Nase im Maulkorb behält.

Dann folgt das Schließen des Maulkorbs und das Ausdehnen der Tragezeit. - Foto: Anna Venzke

Dann folgt das Schließen des Maulkorbs und das Ausdehnen der Tragezeit.

Hat der Hund augenscheinlich Stress mit einer unumgänglichen Behandlungs- oder Pflegemaßnahme, setzen Sie ihm vorsichtshalber einen Maulkorb auf, damit Sie gelassen bleiben können, falls der Hund Abwehrverhalten zeigt. Bleiben Sie ruhig und freundlich! Knurrt der Hund auf dem Tierarzttisch, ignorieren Sie dies. Schimpfen erhöht den Stresslevel zusätzlich und begütigen- des Zureden kann über Stimmungsübertragung dazu führen, dass das ängstliche Verhalten des Hundes verstärkt wird, weil der Halter oft selbst gestresst ist. Sie können Ihren Hund jedoch Füttern und machen damit garantiert nichts falsch. Dies bietet keinen Anlass für eine Stimmungsübertragung. Lassen Sie den Hund nach einer Behandlung noch so lange auf dem Tisch oder zumindest im Behandlungszimmer, bis er sich wieder beruhigt hat. Im Kopf setzt sich vor allem das letzte Bild einer Situation fest. Versuchen Sie, den Tierarztbesuch so entspannt wie möglich zu beenden. Hat sich der Hund beruhigt, bringen Sie ihn erst ins Auto, bevor Sie bezahlen, damit er beim Warten an der Rezeption nicht noch einmal unnötig gestresst wird. Tierarzt und Angestellte sollten sich gegenüber ängstlichen Hunden möglichst deeskalativ verhalten und direkten Blickkontakt vermeiden. Ist bei einem ängstlichen Hund eine länger andauernde oder schmerzhafte Behandlung erforderlich, macht eine Sedierung Sinn, um das Risiko einer Traumatisierung zu verringern.

Böser Tierarzt?

Hunde verknüpfen schnell negative Erfahrungen wie Schmerzen durch Spritzen mit dem Besuch beim Tierarzt. Um dem vorzubeugen, ist es neben dem Medical Training hilfreich, schon mit dem Welpen immer wieder den Tierarzt aufzusuchen und daraus einen angenehmen Besuch zu machen.