Mit Junghunden durch den Alltag – Über die Kunst, in Balance zu bleiben

Foto: Chalabala - Adobe Stock

Wenn aus dem süßen Welpen ein Junghund wird, sind einige Besitzer/-innen gelinde gesagt überrascht über die Änderungen im Verhalten. Doch wie damit umgehen, um dem Hund gute Lerngelegenheiten zu geben? Mag. Ursula Aigner gibt Anregungen dazu.

Das Gehirn wird umgebaut, Sexualhormone tun ihr Übriges, um Körper und Geist des ehemaligen Welpen durcheinanderzubringen. Die Veränderungen im Körper bewirken, dass die Hunde ihre belebte und unbelebte Umwelt anders bewerten. Das führt zu intensiven Emotionen, schnell steigender Erregung, vermehrten Unsicherheiten in Begegnungen, plötzlich auftauchender Angst vor gewissen Reizen, mangelhafter Selbstregulation und dem Erwachen des Beutefangverhaltens – und damit sind Junghundehalter/-innen konfrontiert.

Mehr Bewegung oder Beschäftigung als Lösung?

Viele Junghunde haben viel Energie und wollen und sollen diese auch kanalisieren. Aber nicht jedes „freudig aufgeregte Verhalten“ ist ein Hinweis auf das Bedürfnis „ich will mehr“. In überdrehtes Verhalten wird oft hineininterpretiert, dass der Hund noch mehr Input, Beschäftigung oder Spiel braucht. Meist ist das Gegenteil der Fall: Hündchen ist überreizt durch die „neuen“ Sinneseindrücke (Erregungstrigger) und sucht ein Ventil. Da wäre eine Ruhepause sinnvoller. Die klappt besser, wenn man bereits „Beruhigungs-Abläufe“ etabliert hat. Spielverhalten und „überdrehtes Verhalten“ sind übrigens unterscheidbar – Spielverhalten ist gekennzeichnet durch übertriebene, runde Bewegungen, Überdrehtsein zeigt sich durch eckige, zackige Bewegungen, der Hund zeigt in der Mimik häufig ein angespanntes Stressgesicht. Verhält sich der Hund überdreht nach einem langen Spaziergang mit einigen Erregungstriggern, dann ist erregungsbedingtes Überdrehtsein naheliegender als eine Spielaufforderung.

Zuhause – zur Ruhe kommen

Wenn der Hund nicht bereits einen Platz hat, an dem er regelmäßig döst oder schläft, dann ist es Zeit, einen solchen zu etablieren. Das kann eine ruhige Ecke eines Zimmers sein, eine Decke auf der Couch, ein weicher Korb oder Ähnliches. Dort sollten nur positive Ereignisse passieren: Leckmatte, Schnüffelteppich, Leckerlis. Unangenehme Handlungen sind tabu. Bekommt der Hund dort täglich eine Leckmatte oder andere ruhige Futterbeschäftigungen, so kann der „safe haven“ als Hilfe bei Aufregungs- oder Stress­triggern eingesetzt werden: Besuchssituationen, Lärm im Stiegenhaus, Klopfen an der Tür etc. Manche Junghunde, die auf den Spaziergängen „viel Neues“ erleben, kommen nach Hause und stehen noch unter Anspannung, die darauf wartet, sich zu entladen. Das kann in einen wild herumspringenden Hund münden, oder man unterstützt ihn darin, die Erregung vom Spaziergang anders abzubauen – durch Leckmatte und Co. auf dem Lieblingsplatz. Als Nebeneffekt lernt der Hund auch, sich selbst zu regulieren. Wichtig ist aber die Regelmäßigkeit der guten Erlebnisse auf der „Decke“.

Erregungstrigger und Reaktivität

Reaktivität ist ein Überbegriff für erregungsbedingte Verhaltensreaktionen, häufig auf sich (schnell) annähernde oder Trigger mit Geräuschkulisse. Die Pubertät ist gekennzeichnet durch schnelle Erregbarkeit. Diese kann unter anderem hervorgerufen werden durch Reize, die Unsicherheit, Angst oder Beutefangverhalten auslösen oder wenn der Junghund im Konflikt ist, also nicht „weiß“, was er tun soll. Kündigen sich Trigger etwa durch ein Geräusch an, dann wird das Geräusch zu einer Ankündigung des Triggers – Geräusch als erlernter Trigger. Vereinfacht gesagt fühlt sich der Hund bei der Wahrnehmung des Geräuschs, dem erlernten Trigger so, als wäre der eigentliche Auslöser bereits „vor der Nase“. Fürchtet sich der Hund zum Beispiel, wenn Skateboard-Fahrer geradlinig auf ihn zu brettern, dann braucht es nicht viele Wiederholungen, dass der Junghund sich bereits zu fürchten beginnt, wenn er das Skateboard-Geräusch nur hört. Oder der Jungspund wird durch Radfahrer getriggert. Sind diese Radfahrer (auch) schreiende Kinder, so ist eine Verknüpfung „Geräusch Kindergeschrei – Verhalten z. B. Hetzen“ nicht ausgeschlossen, sodass der Hund bereits die Umgebung nach „Hetzbarem“ abscannt, wenn er Kinder schreien hört.

Management und Training unterwegs – die Balance (wieder)finden

Um die geschilderten ungünstigen Lernerfahrungen idealerweise gar nicht aufkommen zu lassen, sind folgende Signale sehr hilfreiche Werkzeuge, um dem Pubertier adäquates Verhalten beizubringen oder dies zu erhalten, und vor allem, um dem Erlernen von Erregungstriggern im Alltag entgegenzuwirken.

Klassisch konditionierte Marker:

  • Markersignal oder Clicker: Ankündigung einer Belohnung (meist Futter)
  • Futter-Such-Signal: Ankündigung von Futterbelohnung am Boden
  • Spielsignal: Ankündigung einer Spielbelohnung
  • Konditioniertes Entspannungssignal: Verknüpfung mit entspanntem Dösen oder Kuscheln oder genüsslichem Gebürstet-/Massiertwerden

Operant konditionierte Verhaltensweisen:

  • Aufmerksamkeitssignal: Hund soll zum Menschen blicken
  • Umkehrsignal: Hund dreht sich um in Erwartung eines Richtungswechsels
  • Weitersignal: Hund geht weiter
  • Ruhesignal (Sitz, Steh, Platz): Hund verweilt, ohne sich weiterzubewegen

Mithilfe des Markersignals oder auch Clickers kann man dem Hund ganz allgemein gutes Verhalten positiv feedbacken: lockere Leine, aufmerksam sein etc. Mit positivem Feedback sollte nicht gespart werden, die Pubertät ist ohnehin von emotionalem Auf und Ab gekennzeichnet.

Nimmt der Hund Umweltreize wahr, die ihn verunsichern oder aufregen (könnten), so kann mithilfe der Technik „Click für Blick“ die Balance gehalten werden. Wahrnehmung bedeutet hier nicht ausschließlich der Blick, sondern auch das Hören von Reizen oder auch die geruchliche Wahrnehmung. Erblickt der Hunde-Teenager eine Gruppe von Radfahrern, die sich schnell und laut auf ihn zubewegen, erfolgt der Click (das Markersignal) und der Hund bekommt die angekündigte Belohnung. Dabei ist es wichtig, dass eine individuell unterschiedliche kritische Distanz zum Trigger im Anschluss nicht unterschritten wird. Um dem Hund also die Sicherheit über ausreichend Abstand zu geben, kann anschließend an den Marker/Click die Futterbelohnung beim Weggehen oder Ausweichen gegeben werden. Ist eine gewisse Distanz erreicht und das Pubertier blickt wieder zum Trigger, erfolgt wieder „Click für Blick“. 

Hat der Hund bereits ein Geräusch als Erregungstrigger erlernt, ist es nötig, schon beim Ohrenspitzen mit „Click für Blick“ zu reagieren, nicht erst, wenn der Trigger im Sichtbereich ist. Man kann sich vorstellen, dass jedesmal Abwenden und Futternehmen die Erregungssteigerung zumindest etwas abbremsen. Bei ausreichend Distanz und wenn die Situation es zulässt, kann es hilfreich sein, über Futter-Such-Signal und/oder Entspannungssignal den Hund weiter bei der Emotionsregulierung zu unterstützen. Steht der Hund sehr unter Anspannung aufgrund des Triggers und ist er eher in „Hetz-Stimmung“, so kann der Hund – zumindest anfangs – wahrscheinlich besser ein geworfenes Leckerli oder eine Spielbelohnung, angekündigt über das Spielsignal, annehmen. Ziel ist es, den Hund „dort abzuholen, wo er steht“. Es ist übrigens kein Problem, den Hund auch mal aus dem Bellen rauszulocken – allemal besser, als wenn er in die Leine springt, bis der Trigger aus dem Wahrnehmungsbereich verschwunden ist und die Erregungsverknüpfung weiter gefestigt wird.

Vorausschauend handeln

Das Ziel unterwegs soll sein, die Erregung des Hundes nicht so weit steigen zu lassen, dass er reaktives Verhalten zeigt. Im belebten Umfeld gehört dazu immer auch ein vorausschauendes Management, also auftauchenden Triggern rechtzeitig auszuweichen und die „Ausweichmanöver“ nicht nur dann durchzuführen, wenn der Trigger schon fast vor der Nase ist. Denn dann wird ein Straßenseitenwechsel in einigermaßen ruhiger Stimmung nicht mehr möglich sein.

Ein Ablauf könnte folgendermaßen aussehen: (Potenzieller) Trigger taucht auf, Mensch klassifiziert ihn als „wir brauchen mehr Distanz“, spricht den Hund mittels Aufmerksamkeitssignal an, um dann das Umkehrsignal zu geben und mit dem Hund den Abstand einzunehmen, der für ruhiges Beobachten (Click für Blick) notwendig ist. Die angeführten Trainingswerkzeuge können beliebig kombiniert werden und nicht immer müssen alle verwendet werden. Also bitte sich nicht vor lauter Möglichkeiten nicht entscheiden können – elementar wichtig ist es, zu handeln! Das kann auch der Name des Hundes mit anschließendem Futterwerfen in Ausweich-Richtung sein. Erlaubt ist, was funktioniert, nicht wehtut oder ängstigt.

Das andere Ende der Leine nicht vergessen

Vielfach ist es dem Menschen am anderen Ende der Leine unangenehm, wenn aus dem kleinen Baby-Welpen ein pubertierendes „Monster“ geworden ist. Hier darf das vorausschauende Ausweichen nicht zur Fluchtreaktion seitens des Menschen werden, vielleicht auch noch ohne dass der Hund den Trigger wahrgenommen hat. Spätestens dann fragt sich der Hund: „Wieso rennt sie/er hektisch über die Straße? Weil der Skateboard-Fahrer kommt, klar!“ Wenn man als Mensch bereits (mit)getriggert wird, dann zuerst ein- und deutlich ausamten, Situation analysieren und dann handeln. Gar nicht selten biegen auftauchende Trigger doch ab, was eine gute Trainingsmöglichkeit ist: Hund nimmt Trigger wahr, wird durch entsprechende Trainings-Werkzeuge unterstützt, Trigger entfernt sich wieder. Damit wird der Trigger „enttriggert“ – für beide Seiten der Leine.

Weniger ist mehr!

Diese Regel ist nahezu immer anwendbar. Denn zu viel kann auch zum „Trigger-Stacking“ führen. Zu viele Trigger ohne ausreichende Erholungszeit, selbst wenn sie gut bewältigt werden, können am Ende eines Spaziergangs oder Tages dazu führen, dass der Hund in vermeintlich „einfachen“ Situationen doch überreagiert – weil einfach der Schwellenwert in der Erregungssteigerung überschritten wurde.

Die gute Nachricht zum Schluss – diese Entwicklungsphase geht vorbei. Wichtig zu wissen ist: Wir müssen „nur“ darauf achten, den Hund im Alltag entsprechend zu unterstützen und/oder ihn nicht in überfordernde Situationen zu bringen.