Gelassenheit im Alltag
Viele Situationen könnten entschärft werden oder würden erst gar nicht auftreten, wenn Mensch und Hund eine entspannende Alternative zum unerwünschten und problematischen Verhalten hätten. Maria Rehberger gibt einen Einblick, wie Sie Ihren Hund auch in schwierigeren Situationen wieder empfänglich für Signale machen und mehr Entspannung in die Situation bringen.
Labrador Poldi pöbelt an der Leine andere Hunde an. Er bellt, springt hin und her, gebärdet sich wie ein Wahnsinniger und Herrchen hat Mühe, ihn festzuhalten. Terrierdame Lilly hüpft kläffend vor ihrer Besitzerin auf und ab oder rast um sie herum, weil Lilly genau weiß, dass Frauchen einen Ball dabei hat und der soll jetzt mal fliegen, aber zackig! Hütehundmischling Nelly spielt für ihr Leben gern mit anderen Hunden – nur leider endet das jedes Mal in einer Keiferei, so dass Nellys Menschen Hundebegegnungen beim Spaziergang mittlerweile meiden. Und die Besitzer von Dogge Eddy würden am liebsten gar nicht mehr mit ihm Gassi gehen, weil er so an der Leine zieht, dass beide sich den Gang ins Fitnessstudio sparen können.
Vier ganz unterschiedliche Problematiken mit vier ganz unterschiedlichen Hunden, und doch haben sie alle eine Gemeinsamkeit: Keiner dieser Hunde würde die beschriebenen Verhaltensweisen zeigen, wenn er in der Lage wäre, in der jeweiligen Situation gelassen zu bleiben. Aufregung und die damit einhergehende Einschränkung oder gar der zeitweise vollkommene Verlust der Fähigkeit zur Selbstbeherrschung sind immer mindestens ein Teil, oft sogar die Ursache von (für den Menschen) problematischem Verhalten. Das ist im Zusammenleben mit dem Hund nicht nur unangenehm oder lästig, es kann auch gefährlich für den Hund selbst und andere werden und – regt sich ein Hund oft auf und hat zudem Schwierigkeiten, wieder zur Ruhe zu kommen – es kann gesundheitliche Folgen für den Hund haben. Magen-Darm-Beschwerden, Verspannungen durch ein dauerhaft hohes Stresslevel und natürlich auch Verletzungen, wenn der Hund in Rage gerät, sind leider durchaus zu befürchten.
Viele gute Gründe also, den entspannten Umgang mit Alltags- und Trainingssituationen zum obersten Trainingsziel zu erklären! Doch Training allein ist nicht der Schlüssel zu einem gelassenen Hund. Damit Training wirklich greifen und Früchte tragen kann, müssen zuerst die Rahmenbedingungen stimmen. Dass ein Hund tiermedizinische Versorgung, hochwertiges Futter, freien Zugang zu sauberem Trinkwasser, einen trockenen Schlafplatz mit der Möglichkeit zur Temperaturregulation sowie ausreichend Bewegung und Kontakt zu Menschen und Artgenossen braucht, um körperlich und geistig gesund zu bleiben, ist vermutlich den meisten Menschen klar. Wenn es um die Ausbildungsmethoden geht, gibt es schon mehr Meinungsverschiedenheiten. Von persönlichen, ethischen und moralischen Werten einmal ganz abgesehen, sollten Trainingstechniken, die dem Hund Schmerzen zufügen oder Angst auslösen, heutzutage nicht mehr zur Diskussion stehen. Neben der Erfüllung der Grundbedürfnisse des Hundes und tierfreundlichem Training ist aber auch die Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse des jeweiligen Tieres von immenser Bedeutung, wenn ein Hund ein gelassener Alltagsbegleiter sein oder werden soll. Hunde sind genau wie Menschen sehr unterschiedlich darin, was sie als stressend und anstrengend oder wohltuend und entspannend empfinden. Dem einen Hund tut es gut, täglich Kontakt mit unterschiedlichen Artgenossen auf der Hundewiese zu haben, dort rennen und spielen zu können, um danach zuhause selig in seinem Körbchen zu schlummern. Der andere Hund braucht nach einem kurzen Ausflug in ein Gebiet mit großer Hundedichte erst einmal eine Verschnaufpause in Wald und Flur, wo er ungestört am Wegesrand nach Mäusen buddeln darf. Hunde, die jagdlich stark motiviert sind, profitieren oft davon, wenn man mit ihnen in Gebieten spazieren geht, in denen es nicht viel Wild gibt, wie zum Beispiel in städtischen Parks. Dort wird ihre Jagdleidenschaft nicht ständig getriggert, während die Ausübung des entsprechenden Verhaltens gleichzeitig durch den Menschen verhindert wird. Die meisten Hunde, die in lebhaften Familien mit mehreren Kindern leben, sind häufig froh über einen Rückzugsort abseits des Trubels, ganz entgegen der Devise „mittendrin statt nur dabei“.
Training ist möglich
Belohnung von ruhigem Verhalten
Streicheln oder Massieren ist eine Möglichkeit, um Entspannung aufzubauen. Foto: Tanja Marion PöhlmannAbregen kann man lernenEine einfache Möglichkeit, um Ihrem Hund nach einer aufregenden Situation zu helfen, sich wieder zu beruhigen, ohne dass Ihr Hund dazu etwas Bestimmtes können muss, ist die Futtersuche. Bei dieser Maßnahme geht es lediglich darum, den Hund von seinem Erregungslevel herunterzuholen. Es versteht sich von selbst, dass Sie Situationen, in denen sich Ihr Hund sehr aufregt, so mit ihm trainieren sollten, dass er erst gar nicht mehr in eine extreme Erregungslage gerät. Im Alltag lässt es sich aber manchmal nicht verhindern, dass ein Hund mit einem Auslöser für unerwünschtes Verhalten und der damit verbundenen Aufregung in einem Abstand konfrontiert wird, dem er von seinem Trainingsstand her noch nicht gewachsen ist. Ein Beispiel soll das verdeutlichen: Meine Terrierhündin reagiert stark auf vorbeifahrende Autos mit Anhängern. Ist der Abstand zu solchen Fahrzeugen groß genug oder der Abstand zwar relativ gering, aber das Fahrzeug scheppert nicht laut, dann kann meine Hündin das Verhalten zeigen, dass ich mit ihr in dieser Situation übe: Sie dreht sich zu mir um, nachdem sie das Gefährt wahrgenommen hat, kommt heran und ich gebe dafür das Markersignal und belohne sie mit einer großzügigen Futterbelohnung und viel verbalem Lob. In der Zwischenzeit ist das Auto mit dem Hänger vorbei gefahren und der Abstand ist wieder so groß, dass wir weitergehen können. ist der Abstand jedoch einmal sehr gering und das Gespann scheppert noch dazu sehr laut, weil es genau neben uns über eine Bodenschwelle rumpelt, dann springt meine Hündin bellend in die Leine und gerät ziemlich in Rage. In dieser Situation ist nicht mehr daran zu denken, dass sie das ansonsten gut funktionierende Alternativverhalten (sich zu mir umdrehen und herankommen) noch zeigen kann. Dementsprechend hangle ich mich an der Leine zu ihr nach vorne, greife sie sanft am Geschirr und beginne, beruhigend mit ihr zu sprechen und ihr die Brust zu kraulen. Dadurch beruhigt sie sich schnell und kann wieder auf Ansprache reagieren. Wenn sie sich dann also wieder einigermaßen gefangen hat und sich auf mich konzentriert, streue ich ihr mehrere Leckerchen auf den Boden, die sie dann aufsammeln darf. Dadurch sinkt die Aufregung noch weiter, da der Hund eine Aufgabe bekommt, auf die er sich konzentrieren kann und noch dazu den Kopf tief nehmen muss, wodurch eine Körperhaltung erreicht wird, die das Gegenteil von in die Leine springen darstellt. Würde ich mich nach einem solchen Ereignis nicht aktiv darum kümmern, dass meine Hündin wieder herunterfährt, fiele die Reaktion auf ein weiteres Fahrzeug mit Anhänger oder aber irgendeinen anderen Auslöser wesentlich heftiger aus als unter normalen Umständen. Mit dem gezielten Beruhigen nach aufregenden Situationen sorgen Sie also dafür, dass Ihr Hund sich bei folgenden Herausforderungen besser beherrschen kann.
Statt des einfachen Kraulens und Futterstreuens können Sie jedoch auch gezielt entspannungsfördernde Maßnahmen trainieren, um sie dann nach erfolgreichem Aufbau anwenden zu können, damit Ihr Hund sich gar nicht erst zu sehr aufregt.

Poldi lernt Entspannung
Ein Blickkontaktsignal hilft auch, Entspannung zu starten. Foto: Tanja Marion PöhlmannUm Ihnen zu verdeutlichen, wie Sie das Entspannungssignal im Alltag nutzen können, nehmen wir als Beispiel noch einmal Poldi, den leinenpöbelnden Labrador. Wenn Poldi beim Spaziergang angeleint einen anderen Hund erspäht, erstarrt er und beginnt, den Hund zu fixieren. Wenn sein Frauchen in diesem Moment nicht reagiert, dann endet die Situation immer gleich: Ist ein bestimmter Abstand unterschritten (dieser Abstand kann von Hund zu Hund und je nach Poldis Tagesform nur 5 Meter betragen, an manchen Tagen reichen aber auch schon 10 Meter), springt Poldi bellend in die Leine und keift , auf den Hinterbeinen stehend, so lange den anderen Hund an, bis dieser an ihm vorbei und mindestens zwanzig Meter weit weg ist. Danach ist Poldi fertig, sein Frauchen sowieso und bei der nächsten Hundebegegnung wird Poldi noch früher reagieren. Der Moment, in dem Poldi erstarrt, sich also seine Muskulatur anspannt, ist der Augenblick, in dem sein Frauchen durch das Entspannungssignal dafür sorgen könnte, dass Poldis Anspannung für einen Moment nachlässt. Das Entspannungssignal ist ein Türöffner! Der Hund wird durch die Anwendung des Entspannungssignals kurzzeitig wieder ansprechbar und Poldis Frauchen kann ihn nun durch die Abfrage eines gut aufgebauten Signals aus seiner Erstarrung und dem Fixieren herausholen. Ideal ist zunächst ein „Schau mal“. Dazu muss Poldi sich umdrehen (Körperspannung löst sich), wodurch der Blickkontakt zum anderen Hund (das Fixieren) unterbrochen wird. Jetzt kann Poldis Frauchen ihn belohnen, in dem Sie ihm mehrere Leckerchen nacheinander gibt und währenddessen den Abstand zum anderen Hund vergrößert. Ist der Abstand groß genug, könnte sie Poldi noch zu einem Trick auffordern, der ihm zusätzlich dabei hilft, wieder lockerer zu werden: Zum Beispiel könnte er sich an einem Baum strecken, sich verbeugen oder eine Acht um Frauchens Beine laufen. Das Strecken am Baum ist ohne große Vorarbeit bei den meisten Hunden durch das Locken mit einem entsprechend gehaltenen Leckerchen auszulösen, die beiden anderen Tricks muss der Hund selbstverständlich vorher bereits gelernt haben. Das Entspannungssignal steht also nicht für sich allein, sondern es ist der Auftakt einer kleinen Kette von Verhaltensweisen, die dabei helfen, das Erregungslevel des Hundes zu senken.

